Warum ausgerechnet Klopapier?

Es gibt ja schon einige Hypothesen über den aktuellen Klopapier-Hype. Z.B. Imitation: Ich sehe, dass jemand fünf Packungen kauft und denke, das mach ich auch. Oder: Klopapier als Symbol für Sauberkeit und Sterilität – eine Art Talisman gegen Infektionen. Ich denke, ein Blick auf die Funktion und die Geschichte von Klopapier kann hier zusätzlich lehrreich sein.

Die Funktion von Klopapier

Wir wischen uns nach getanem Geschäft den Hintern ab. Dabei nutzen nicht alle Kulturen die Faltmethode für das Papier, ebenso verbreitet ist die Knüllmethode – also eine Kugel aus dem Papier formen und so verwenden. Der Einsatz von Papier wurde notwendig, weil die Toiletten nicht die anatomisch korrekte, hockende Haltung zum Absetzen des Stuhlgangs ermöglicht. In dieser hinterlässt das Geschäft nämlich so gut wie keine Spuren am äußeren Schließmuskel. Wieder andere Kulturen kennen überhaupt kein Klopapier. Ein Eimer Wasser und die linke Hand genügen für die Reinlichkeit – eine Hand für mich und die andere für die Gemeinschaft.

Die psychosexuelle Komponente

Es geht um ein anal assoziiertes Thema. In der analen Phase (2. bis 4. Lebensjahr) soll ein Mensch hierzulande die Kontrolle über seine Ausscheidungen gewinnen. Wenn ihm/ihr das noch nicht so recht gelingt, wird er/sie gerne „Hoßenscheißer“ genannt. Das ist eine enorm beschämende Erfahrung. Ein Echo davon kann man bei vielen Gelegenheiten hören. Immer dann, wenn sich Menschen streiten, kommen Formeln wie: „Dreckarsch“, „dreckiger Scheißer“, „Scheißkerl“ oder „das geht mir am Arsch vorbei“ besonders gern zur Anwendung.

Aber zurück zum Kleinkind, das einer rigiden Sauberkeitserziehung unterworfen ist. Freud sah es so, dass das Kind seine Ausscheidung als sein eigenes Produkt identifiziert. Nach einer langen Zeit, in der es vor allem ums Aufnehmen (Oralität) ging, möchte das Kind nun etwas zurückgeben. Es ist Stolz auf sein Produkt, es gibt es mit Liebe, aber es wird mit einem „Bäh“ Kommentar und einem angeekelten Gesichtsausdruck zurückgewiesen.

Und dann soll es auch noch lernen, seine Gabe in ein Töpfchen zu machen. Es muss also rechtzeitig merken was die intensive Fülle Empfindung bedeutet, bevor es beginnt zu pressieren – und das gerade zu dem Zeitpunkt, wenn das Kind auch noch seine Autonomie entwickeln will.

Aus solchen Konstellationen können „Anale Charakterzüge“ entstehen. Diese sind bekannt als Faible für penible Kontrolle, bis hin zur Zwanghaftigkeit. Auch Sparsamkeit bis zum Geiz wird ihnen nachgesagt und es gibt eine große Angst davor, beschämt zu werden. Mit einer Bremsspur in der Unterhose erwischt zu werden, würde einen Worst Case für den Selbstwert bedeuten. Anale Charakterzüge treten eher gehorsam und unterwürfig auf, sie neigen zu passiver Aggressivität.

Eine kleine Geschichte des Ausscheidungsmanagements

Eine weitere Assoziation von Ausscheidungen ist die Territorialität. Tiere, bis hin zu wildlebenden Primaten, markieren ihre Territorium gerne mit einem Haufen. Dieser informiert potenzielle Eindringlinge darüber, dass ein Weitergehen gefährlich für sie werden könnte. Menschen, als domestizierte Primaten, haben diese tierische Eigenart sublimiert. Sie verwenden z.B. „Tintenexkremente“ um ihre Territorien auf Verträgen zu dokumentieren.

Entwicklungsgeschichtlich betrachtet, hat sich aus der „fäko-fugalen“ (Sloterdijk) Ausscheidungsstrategie der Jäger und Sammler Horden, die „latrino-zentrische“ Lebensweise in befestigten Dörfern entwickelt. Das Klo als Treffpunkt der Gemeinschaft am Morgen. Erst ab der Neuzeit bekam dann langsam jeder seine eigene Toilette. Also eine Art Übergang vom Fäko-Kommunitarismus zur Latrinen-Autokratie – einem jeden Bürger seinen eigenen Thron.

Dieser Thron ist heutzutage ja auch der Ort von Ruhe und Intimität schlechthin. Wo, wenn nicht auf dem Klo, hat man wirklich seine Ruhe von allen und allem anderen? Und die Gefahr, sich mit Corona anzustecken, ist dort äußerst gering.

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